Urologie
Kurativ intendierte Prostatakarzinomtherapie: was Männer mit Prostatakarzinom wissen wollen
Männer, die mit der Diagnose eines Prostatakarzinoms konfrontiert werden, haben umfassende Informationsbedürfnisse, die nicht immer abgedeckt werden. Zugleich wächst die Bedeutung eines aktiven Einbezugs in die Therapieentscheidung.[1] Vor diesem Hintergrund untersuchte die im Folgenden vorgestellte Studie Art und Umfang von Informationsbedürfnissen nach einer Prostatakarzinomdiagnose.
Patienten und Methoden
In vier urologischen Kliniken und Abteilungen der deutschsprachigen Schweiz (St. Gallen, St.-Clara-Spital Basel, Olten, Zug) wurden insgesamt 330 Patienten mit einem standardisierten Fragebogen angeschrieben. Für die Auswahl der Teilnehmer erfolgte eine Beschränkung auf Patienten mit einem lokalisierten Tumorstadium (T1 oder T2, PSA <20ng>
Von den 330 angeschriebenen Patienten retournierten 179 (54%) den Fragebogen. 51 Fragebögen mussten von der Auswertung ausgeschlossen werden, weil diese entweder fehlerhaft ausgefüllt waren oder weil nach Angaben der Patienten seit dem Diagnosezeitpunkt schon mehr als 24 Monate verstrichen waren. Die Auswertungen erfolgten auf der Grundlage von 128 Patienten (39%). Damit bewegte sich der Rücklauf im Bereich von vergleichbaren Studien.[2] Eine Rücklaufkontrolle war auf der Basis des Alters und der erhaltenen Therapien möglich. Dabei zeigten sich keine Unterschiede zwischen Teilnehmern und Nichtantwortenden bezüglich des Durchschnittsalters, jedoch unterschiedliche Rücklaufquoten in den verschiedenen Behandlungsgruppen. Bei Patienten nach LDR-Brachytherapie lag die Antwortquote bei 66%, während 55% der Patienten nach einer radikalen Prostatektomie und 36% derjenigen nach einer perkutanen Radiotherapie den Fragebogen retournierten.
Der eingesetzte Fragebogen wurde in Kanada auf der Grundlage von Interviews mit Betroffenen und Experten erarbeitet, in verschiedenen Studien weiterentwickelt und anschliessend international eingesetzt.[3, 4] Es wurde darauf geachtet, möglichst alle Aspekte, die für die Betroffenen bei der Therapieentscheidung relevant sein können, abzudecken. Daraus resultierte ein Set von 92 Fragen. Die Patienten wurden gebeten, sich in die Zeit der Therapieentscheidung zurückzuversetzen und für jede Frage anzugeben, wie wichtig diese damals war. Für die Wichtigkeitseinschätzung standen die Antwortkategorien „unentbehrlich“, „erwünscht“, „keine Meinung“ und „vermeiden“ zur Auswahl. Die Bestimmung der Wichtigkeit der einzelnen Fragen und die Berechnung der Unterschiede zwischen den Patienten erfolgten auf der Grundlage von deskriptiven Auswertungen. Dazu wurden die Fragen nach dem Anteil der „Unentbehrlich“-Einstufungen durch die Patienten geordnet und die Anzahl der Einstufungen in den Antwortkategorien pro Patient bestimmt. Im Weiteren wurde geprüft, ob sich die Informationsbedürfnisse abhängig vom Alter, von der Bildung oder der Behandlung unterschieden.
Resultate
Die Studienteilnehmer waren zwischen 48 und 79 Jahre alt (Mittelwert: 66,3 Jahre); mehr als 90% waren verheiratet oder lebten in einer Partnerschaft. Mehr als die Hälfte (61%) der Patienten hatte eine radikale Prostatektomie erhalten, rund ein Fünftel (21%) eine LDR-Brachytherapie, 16% eine perkutane Strahlentherapie und bei zwei Patienten (2%) wurde eine Verlaufskontrolle ohne direkte Intervention umgesetzt.
Alle 92 Fragen wurden von 18 bis 92% der Patienten als „unentbehrlich“ eingestuft (Abb.). Die in der Tabelle angeführten 15 Fragen erhielten diese Bewertung von mehr als drei Vierteln der Befragten. In diesen Fragen finden sich Themen wie: Krankheit, Verlauf und Diagnose (5 Fragen), Information zur Behandlung (5 Fragen), Alternativen bei Misserfolg der Behandlung (2 Fragen), Blasenfunktion (2 Fragen) und Sterberisiko (1 Frage).
52 Fragen wurden von mehr als der Hälfte der Befragten als „unentbehrlich“ eingestuft. Neben den bereits genannten Themen fanden sich unter diesen Fragen Aspekte wie Sexualität und Fortpflanzung, Qualifikation und Qualität der Leistungserbringer, Nebenwirkungen der Behandlung, Organisation der Behandlung, Aufrechterhaltung von Aktivitäten, Magen- und Darmfunktion und Schmerzen.
Themen, die in diesem 52 Fragen umfassenden Katalog fehlten und in der Rangliste erst weiter unten auftauchten, waren: Unterstützung, Ernährung sowie Behandlungskosten. Sowohl in Bezug auf das Alter als auch hinsichtlich der gewählten Therapie zeigten sich keine statistisch nachweisbaren Zusammenhänge zur Anzahl der als „unentbehrlich“ eingeschätzten Fragen. Hinsichtlich der Bildung liessen sich zwar abhängig vom Bildungsgrad der Patienten Unterschiede bezüglich der Informationsbedürfnisse erkennen, die Zusammenhänge zeigten aber kein einheitliches Muster. Höher gebildete Personen (Maturität oder Hochschulabschluss) stuften weniger Fragen als „unentbehrlich“ ein als Personen mit Grundschulausbildung oder Berufslehre. Die höher Gebildeten stuften aber zugleich mehr Fragen als „erwünscht“ ein. Diese gegensätzlichen Tendenzen führten dazu, dass in beiden Bildungsstufen ungefähr gleich viele Fragen als „erwünscht“ oder „unentbehrlich“ eingestuft wurden. Die in dieser Studie gewonnenen Aussagen beziehen sich auf Patienten, die in einer urologischen Klinik stationär behandelt wurden. Im vorliegenden Sample waren beispielsweise Patienten, die den Weg einer aktiven Überwachung („active surveillance“) oder des beobachtenden Zuwartens („watchful waiting“) gewählt hatten, untervertreten.
Schlussfolgerungen
Männer, die mit der Diagnose eines lokalisierten Prostatakarzinoms konfrontiert sind, zeigen umfangreiche und sehr heterogene Informationsbedürfnisse. Daraus ergibt sich das Dilemma, dass es einerseits beim Ansprechen von allen möglichen Fragen zu einer Überforderung kommt und dass andererseits beim generellen Weglassen von Fragen Aspekte unberücksichtigt bleiben, die vielen Patienten als unentbehrlich erscheinen. Die vorliegende Untersuchung zeigte, dass kein überschaubares Kernset von vorrangig zu behandelnden Themen oder Fragen gebildet werden kann. In diesem Sinne ist bei der Gesprächsführung darauf zu achten, dass Patienten Antworten auf diejenigen Fragen erhalten, die ihnen persönlich am wichtigsten sind, ohne dabei von einer unüberschaubaren Menge von Informationen überfordert zu werden.
Referenzen:
[1] Davies NJ et al, Psychooncology 2008
[2] Cegala DJ et al, Health Commun 2008
[3] Feldman-Stewart D et al, Patient Educ Couns 2008
[4] Feldman-Stewart D et al, Radiother Oncol 2010
Autoren:
Prof. Dr. med. Hans-Peter Schmid1
René Schaffert2, Dr. phil. Peter Rüesch2
Dr. Robin Ruszat3
1 Kantonsspital St. Gallen,
2 Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften,
3 St.-Clara-Spital Basel
Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. med. Hans-Peter Schmid
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