Hämatologie & Onkologie

Rachen- und Kehlkopftumore: im Wettlauf mit der Zeit

Welche Alters- und Personengruppen sind hauptsächlich gefährdet?

M. Burian: Der Altersgipfel liegt zwischen 58 und 62 Jahren. Hauptrisikofaktor ist der Zigarettenkonsum (Nikotin und Rauchinhaltsstoffe) gepaart mit Alkohol und fehlender Mundhygiene steigt das Risiko zusätzlich.

J. Meindl: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Patienten jünger werden. 35-Jährige sind keine Seltenheit mehr.

M. Burian: Absolut! Das ist eine weltweite Entwicklung. Im Moment ist unklar, warum 25–30-jährige Nichtraucher ein Plattenepithelkarzinom entwickeln. Bei diesen Patienten ist der Verlauf aggressiver als bei 50–60-jährigen Rauchern und Alkoholkonsumenten.

Holen Frauen auf?

J. Meindl: Ja! Ein Drittel unserer Tumorpatienten heute sind Frauen. Auch beim Lungenkrebs holen Frauen beträchtlich auf, weil der weibliche Kehlkopf bzw. die weibliche Lunge empfindlicher sind.

Rauchen wird eher mit Lungenkrebs als mit Kehlkopftumoren assoziiert. Wird hier Aufklärung betrieben?

M. Burian: Das ist der springende Punkt! Medial präsent sind z.B. das Melanom mit der medienwirksamen Kampagne „Sonne ohne Reue“ oder das Mammakarzinom mit dem Tag der rosa Schleifen. Für Aufklärungs- und Vorsorgekampagnen gibt es – ohne die Unterstützung einer Pressure-Group – leider kaum finanzielle Mittel.

J. Meindl: Für teure Chemotherapien gibt es hart ausgedrückt immer eine Lobby. Nicht aber für Aufklärungs- und Vorsorgekampagnen eines „schmutzigen Karzinoms“, wenn man diese Bezeichnung eines Kollegen für Rachen- und Kehlkopftumore wählen möchte.

Wie groß ist der Behandlungserfolg bei frühzeitigem Therapiebeginn?

J. Meindl: Tumore in Frühstadium haben eine sehr, sehr gute Prognose. Das T1-Stimmbandkarzinom hat eine fast 99%ige Heilungsrate. Bei T3 und T4 ist die Prognose sehr viel schlechter.

…und im fortgeschrittenen Stadium?

M. Burian: Patienten mit einem Rachenkarzinom in höheren Stadien haben eine 5-Jahres-Überlebensrate von max. 30–40%. Wesentlich schlechter wird die Prognose wenn es trotz Therapie zu einem Rezidiv kommt. Betrachtet man alle Tumoren gemeinsam (Früh- und Späterkennung) so betragen die 5-Jahres-Heilungsraten zwischen 60 und 65%. Allgemein kann man sagen, dass die Prognose für Patienten mit Kehlkopfkarzinom günstiger steht.

Verbessert die Chemotherapie die Prognose?

J. Meindl: Durch die simultane Therapie, also Bestrahlung plus Chemotherapie im Speziellen mit Taxotere, hat sich eine deutliche Verbesserung der Prognosen ergeben.

M. Burian: Allerdings haben alle Chemotherapien bisher keine Verbesserung des Gesamtüberlebens gebracht. Es waren zwar die rezidivfreien Intervalle länger bzw. konnte ein Stillstand der Erkrankung erzielt werden, Patienten überlebten aber nicht länger. Mit der Kombination Taxotere + Cisplatin dürfte sich dies jetzt erstmals ändern. Auch so genannte „Targeted Therapies“ mit Antikörpern sind zukunftsweisend. Demnächst wird der monoklonale Antikörper Cetuximab (Erbitux®) auch für HNO-Karzinome auf den Markt gebracht. HNO-Tumore können durch die Kombination Cetuximab/Radiotherapie +/- Chemotherapie wahrscheinlich etwas erfolgreicher und vor allem organschonender behandelt werden. Mit diesen Therapien gibt es offensichtlich eine Erhöhung der Remissionsrate.

Wie sehen Sie die HNO-Facharztausbildung?

M. Burian: Ich denke, in der HNO-Facharztausbildung wäre es sinnvoll, dass jene Kollegen, die die Ausbildung an Abteilungen ohne onkologischem Schwerpunkt absolvieren, drei Monate an HNO-Abteilungen mit onkologischer Erfahrung im Einsatz sein sollten. Die Onkologie ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Faches. Knapp die Hälfte der zeitlichen OP-Kapazität der Wiener Klinik wird für Eingriffe an Tumorpatienten verwendet. Daher kommt dem Wissen um den Umgang mit einem Tumorpatienten zentrale Bedeutung zu. Ein niedergelassener Kollege kann nach einer dreimonatigen Ausbildung an einer onkologisch ausgerichteten Abteilung schnell reagieren.

J. Meindl: An meiner Abteilung sind über 60% der Patienten Tumorpatienten. Es sind dies typische Tumorpatienten, die rauchen und trinken. Es ist wichtig, einen Blick für Tumorpatienten zu bekommen.

Wie könnte man Praktiker schulen?

M. Burian: Durch mehr Aufklärung und Fortbildung! Praktische Ärzte, die selten mit HNO-Karzinomen konfrontiert werden, sollen verdächtige Läsionen an der Schleimhaut oder Schwellungen im Halsbereich lieber früher als später an eine Fachabteilung überweisen. Im Sinn der Prävention ist es auch wichtig daran zu denken, dass es zwei Möglichkeiten der Entwicklung eines Karzinoms gibt. Es kann plötzlich aus der gesunden Schleimhaut entstehen oder es gibt Vorstadien. Bei diesen Vorstadien, die z.B. in der Mundhöhle als weiße Flecken auf der Schleimhaut sichtbar sind, handelt es sich um kleine Gewebsveränderungen, die zwar nicht bösartig sind, aber eine höhere Chance haben dies zu werden. Hier kann man im Sinne der Prävention früher ansetzen und biopsieren. Der Patienten hat damit kein Problem und die Gewebeprobe zu entnehmen ist ebenso wenig eines.

J. Meindl: Behindernd wirkt, dass – primär in ländlichen Regionen – Praktiker in amikalen Gesprächen von der Gebietskrankenkasse angehalten werden weniger Facharztüberweisungen zu veranlassen. Der Praktiker verabreicht lieber Antibiotika und schickt den Patienten nach Hause. In den Städten konsultiert dieser Patient frühzeitig den HNO-Facharzt.

Wir danken für das Gespräch!

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Letztes Update:6 November, 2005 - 00:00